“Nie wieder!” ist ein Auftrag – Gedenken darf nicht missbraucht werden

“Nie wieder!” ist ein Auftrag – Gedenken darf nicht missbraucht werden

Heute leben wir!

Heute vor 73 Jahren begann das Überleben! Am 27. Jänner 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet.

Heute erinnern wir uns.

Der 27. Jänner war der Anfang vom Ende der Shoah, aber eben nicht das Ende. In ganz Europa ging das Töten weiter, bis der Nationalsozialismus (Monate später) militärisch besiegt war. Judenhass besteht jedoch bis heute.

Heute erinnern wir uns.

Heute wollen viele die Shoah vergessen. Heute wollen viele einen „Schlussstrich“ ziehen, der Holocaust wird sogar geleugnet. Mehr als die Hälfte der Menschen in Österreich und Deutschland meint es sei nicht mehr nötig, sich mit den Verbrechen der Nazis auseinanderzusetzen. Die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch nie vom Holocaust gehört.
Erinnern ist ein zentraler Wert des Judentums. Schon in der Torah – der jüdischen Bibel – wird das jüdische Volk mehrmals zum Gedenken verpflichtet. In wenigen Jahren wird es jedoch keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr geben. Erinnerung ist nun die Verantwortung einer jungen Generation. Heute ist es wichtiger denn je, zu erinnern. Für morgen.

Wer „nie wieder“ sagt, muss erinnern. Nie wieder beginnt mit dem Erinnern. Nur wer sich erinnert, kann aus der Geschichte lernen. „Nie wieder“ ist ein Auftrag für die Zukunft, „nie wieder“ verpflichtet zu aktivem Handeln.

Nationalistische Kräfte werden stärker

In unseren Heimatländern werden nationalistische Kräfte, die Antisemitismus und andere Formen von Menschenhass propagieren, immer stärker. In Österreich sind Nachfolger der Vorgänger der Nationalsozialisten Teil der Regierung, wie der Autor Doron Rabinovici es formulierte. 41 % der FPÖ Parlamentsabgeordneten sind Mitglieder in deutschnationalen Burschenschaften, von welchen viele per Arierparagraphen all jene von der Mitgliedschaft ausschließen, welche nicht als „Teil des deutschen Volkes“ angesehen werden. Dazu zählen alle Juden. Der neue österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache, wurde wegen seines Engagements bei einer illegalen Neonazi-Organisation verhaftet. Diese Woche wurde enthüllt, dass der Vorsitzende der FPÖ in Niederösterreich stellvertretender Chef einer Burschenschaft war, in welcher in offiziellen Liederbüchern unter anderem dazu aufgerufen noch eine Million Jüdinnen und Juden zu vergasen. Die Häufung dutzender, wenn nicht hunderter einschlägiger Vorfälle im Laufe der Jahre legt den Schluss nahe, die FPÖ wäre inhärent antisemitisch. In Frankreich ist eine rassistische Partei zweitstärkste Kraft, die eine lange Geschichte an antisemitischen Vorfällen hat. Das erste Mal seit 1945 sitzt eine rechtsextreme Partei im deutschen Bundestag. Diverse AFD Politiker und Politikerinnen sind durch das Verbreiten antisemitischer Verschwörungstheorien aufgefallen, und möchten „endlich mit der deutschen Geschichte abschließen“. AfD, Front National und FPÖ machen gemeinsame Sache, in einer eigenen Fraktion, im Europäischen Parlament.

Gedenken darf nicht missbraucht werden

Immer öfter sind diese Parteien bei Gedenkveranstaltungen für Opfer der Shoah aktiv. Die FPÖ veranstalte beispielsweise letztes Jahr eine „Gedenkveranstaltung“ zum Novemberpogrom um vor dem „neuen Antisemitismus“ zu warnen. Bei der offiziellen Gedenkveranstaltung für den internationalen Holocaust Gedenktag im österreichischen Parlament, trieb die FPÖ ihr perfides Spiel an die Spitze: Unter dem Vorwand, keine FPÖ-SpitzenpolitikerInnen würden anwesend sein, lud der Nationalrat Shoah-Überlebende ein. „Überraschend“ tauchte dann Vizekanzler Strache gemeinsam mit einem großen Teil der FPÖ Führungsriege bei der Veranstaltung auf. So wurde – teilweise gegen den Willen der Überlebenden – für Bilder gesorgt mit dem die FPÖ versucht den eliminatorischen Antisemitismus, den einige ihrer Mitglieder in scheinbar unbeobachteten Momenten predigen, zu überdecken. Dies ist eine neue Stufe des verabscheuungswürdigen Ausnützens.

Der AFD-Vorsitzende Alexander Gauland bezeichnet das Shoah-Mahnmahl in Berlin als „Mahmahl der Schande“ während seine Partei vorgeblich den Naziverbrechen gedenkt.

Diese Parteien missbrauchen das Gedenken. Sie überdecken ihre antisemitische Ideologie durch Hass gegen Muslime. Sie versuchen, ihren Rassismus reinzuwaschen, in dem sie Juden vereinnahmen und ausschließlich vor dem muslimischen Antisemitismus warnen – der zweifelsohne ein gewaltiges Problem in Europa ist, dessen sich Regierungen dringend annehmen müssen – während sie ihren eigenen Antisemitismus in den Kellern hochhalten. Nicht mit uns! Gerade wir als junge Jüdinnen und Juden dürfen uns nicht als Feigenblatt verwenden lassen, um diese rassistische Ideologie zu „kaschern“. Wir werden uns nicht von Parteien wie der FPÖ missbrauchen lassen! Wenn Rechtsextremisten Geschichte lernen möchten, dann zuerst die eigene!

#WeRemember

Elie Wiesel mahnte: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Niemandem darf das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte gleichgültig sein – niemand darf die Shoah instrumentalisieren. Wir erinnern uns an die Opfer, die Überlebenden, die Helfer, die Widerstandskämpfer, die Retter und die Befreier.

Nie wieder!

Jüdische österreichische HochschülerInnen

Bini Guttmann Co-Präsident

“Never Again” means action – Remembrance must not be abused!

Today we are alive!

73 years ago, survival began. On January 27, 1945, the Auschwitz concentration camp was liberated. 1.1 million people were murdered there.

Today we remember.

The 27th of January was the beginning of the end of the Shoah, but not the absolute end. The killing continued throughout Europe until National Socialism (months later) was defeated militarily. But hatred of Jews continues to exist.

Today we remember.

Today, many want to forget the Shoah, wishing to close the door on the Holocaust. Some even denying its existence. More than half of the people in Austria and Germany think, that we must “move on” regarding the Nazi’s crimes. Half of the world population has never heard of the Holocaust.
Remembrance is a central value in Judaism. In the Torah – the Jewish bible – the Jewish people are mandated to remember regularly. In a few years, no first-hand testimonies will be given anymore. Remembrance is now the responsibility of the younger generation. It is more important today than ever to remember. For tomorrow.

 

“Never Again” must begin with “We Remember”. Only those who remember can learn from history. “Never Again” is a mission for the future, “Never Again” means action.

 

In our homelands, nationalist forces are spreading, propagating antisemitism and other forms of hatred against fellow human beings. In Austria, the successors of the ideological predecessors of the Nazis are part of the government, as Doron Rabinovici, an Austrian Historian put it. 41% of FPÖ MPs are members of German nationalist fraternities (“Burschenschaften”), which still have Aryan-clauses in their bylaws, barring anyone they don’t consider “German” from membership, including Jews and other minorities. The new Austrian Vice-Chancellor Heinz Christian Strache was once arrested for participation in an illegal neo-Nazi Organisation. This week it was revealed that the chairperson of the FPÖ in Lower Austria was the deputy head of a fraternity, in which official songbooks called among other things to gas one more million Jews. A string of dozens if not hundreds of pertinent incidents over the years has evidence that the FPÖ can be considered inherently antisemitic. In France, a racist party, with a long antisemitic history, is the second strongest elected force. For the first time since 1945, the extreme right is represented in the German Bundestag. Various AFD Politicians have drawn attention to themselves by spreading antisemitic conspiracy theories and ignoring German history. AfD, Front National and FPÖ are cooperating in the European Parliament.

 

More and more often, these parties are active in commemorative events for victims of the Shoah. For example, last year the FPÖ organized such an event in remembrance of the November Pogrom (often referred to by the euphemistic term “Reichskristallnacht”, to warn of a “new antisemitism”. At the official memorial event for the international Holocaust Remembrance Day in the Austrian parliament, the FPÖ pushed its perfidious game to a maximum: Under the pretext that no FPÖ leaders would be present, the National Council invited Shoah survivors. Vice Chancellor Strache appeared “surprisingly” together with a large part of the FPÖ leadership at the event. Thus, partly against the wishes of the survivors, pictures were taken with which the FPÖ trying to cover up the anti-Semitism that some of its members preach in seemingly unobserved moments. This is a new level of despicable exploitation.Today, the FPÖ, represented by Minister of the Interior Herbert Kickl, who recently demanded, among other things, “concentrating refugees in camps”, will be present at the commemoration ceremony of the Austrian parliament, and likely attempt to thereby instrumentalize Holocaust survivors. AFD chairman Alexander Gauland calls the Shoah memorial in Berlin a “mark of shame” while his party purports to commemorate Nazi crimes. These parties abuse the idea of commemoration. They mask their antisemitic ideology with hatred of Muslims. They fail to purge their racism by misappropriating the memory of the Shoah and warning of Muslim antisemitism – which is undoubtedly a huge problem in Europe, which governments need to address urgently – while maintaining their antisemitic ways in back rooms and basements. Not with us! Especially we, as young Jews, should not let them use us as a fig leaf to “kasher” this racist ideology. We will not be abused by parties like the FPÖ. If right-wing extremists want to learn from history, they should look at their own first!

 

Elie Wiesel warned: “The opposite of love is not hate but indifference.” No one should be indifferent to one of the greatest crimes in human history – and nobody should abuse the memory of the Shoah to foster the marginalization of other groups. We remember the victims, the survivors, the helpers, the resistance fighters, the rescuers and the liberators.

 

Never Again!

Austrian Union of Jewish Students (JöH)

Bini Guttmann Co-President

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